{"id":8909,"date":"2024-07-22T23:55:25","date_gmt":"2024-07-22T23:55:25","guid":{"rendered":"https:\/\/fedmed-nrw.de\/?p=8909"},"modified":"2024-10-14T17:57:15","modified_gmt":"2024-10-14T17:57:15","slug":"informationsdossier-zum-turkischen-annexionskrieg-in-sudkurdistan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fedmed-nrw.de\/?p=8909","title":{"rendered":"Informationsdossier zum t\u00fcrkischen Annexionskrieg in S\u00fcdkurdistan"},"content":{"rendered":"<p class=\"entry-lead\">Die T\u00fcrkei eskaliert derzeit ihre Aggression in S\u00fcdkurdistan, auch bekannt als Kurdistan-Region des Irak. Das Berliner Informationszentrum Civaka Azad hat ein Dossier mit Daten, Fakten und Hintergr\u00fcnden herausgegeben.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrkei eskaliert derzeit ihre Aggression in der Kurdistan-Region des Irak (KRI). Das in Berlin ans\u00e4ssige kurdische Informationszentrum Civaka Azad e.V. hat ein Dossier herausgegeben, das einen \u00dcberblick \u00fcber die aktuellen Entwicklungen im t\u00fcrkischen Annexionskrieg in der Region gibt. In dem Dokument wirft Civaka Azad auch einen Blick auf die Hintergr\u00fcnde der t\u00fcrkischen Besatzungsoperationen in der KRI, schl\u00fcsselt die dortigen Interessen der Regierung in Ankara auf und besch\u00e4ftigt sich mit den regionalen und \u00fcberregionalen Reaktionen auf das v\u00f6lkerrechtswidrige Vorgehen der T\u00fcrkei.<\/p>\n<p><strong>Factsheet: Der t\u00fcrkischer Annexionskrieg in S\u00fcdkurdistan<\/strong><\/p>\n<p>\u2022 Am 15. Juni 2024 hat das t\u00fcrkische Milit\u00e4r eine neue Offensive in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak (KRI) gestartet. Dies stellt eine weitere Eskalationsstufe im Vergleich zu bisherigen Operationen dar.<\/p>\n<p>\u2022 Seit Beginn der neuen Angriffswelle hat die T\u00fcrkei 381 Bombardierungen durchgef\u00fchrt. Mehr als 6.800 Hektar Ackerland wurden durch die Angriffe verbrannt (Stand: 15. Juli 2024).<\/p>\n<p>\u2022 Neun D\u00f6rfer, davon sieben mit christlicher Bev\u00f6lkerung, wurden seither entv\u00f6lkert, 184 Familien aus ihren H\u00e4usern vertrieben (Stand: 15. Juli 2024).<\/p>\n<p>\u2022 Rund um die strategisch wichtige Stadt Amediye sind aktuell zahlreiche Truppen, schweres Ger\u00e4t, Panzer und Artillerie stationiert.<\/p>\n<p>\u2022 Zehn neue t\u00fcrkische Milit\u00e4rbasen wurden in den Regionen Amediye, Zaxo und Soran errichtet. Sie enthalten zus\u00e4tzlich Checkpoints zur \u00dcberpr\u00fcfung von Zivilisten, Ausweispapieren und Fahrzeugen.<\/p>\n<p>\u2022 Unterst\u00fctzung erf\u00e4hrt die T\u00fcrkei bei der Offensive von der Demokratischen Partei Kurdistans (PDK), die sich politisch und wirtschaftlich in einem engen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis zu Ankara befindet.<\/p>\n<p>\u2022 Die irakische Zentralregierung hat keine klare Haltung zur v\u00f6lkerrechtswidrigen Invasion und Verletzung der Souver\u00e4nit\u00e4t des Irak formuliert.<\/p>\n<p>\u2022 Der v\u00f6lkerrechtswidrige Einmarsch des NATO-Mitglieds T\u00fcrkei wird von der europ\u00e4ischen Politik und westlichen Medien weitgehend ignoriert, w\u00e4hrend die USA der T\u00fcrkei de facto \u201egr\u00fcnes Licht\u201c gegeben haben.<\/p>\n<p>\u2022 Der Einsatz von Panzern und der Bau neuer Milit\u00e4rst\u00fctzpunkte deuten auf eine langfristige Annexionspolitik der T\u00fcrkei hin, mit \u00fcber 110 Milit\u00e4rbasen bis zu 35 Kilometer innerhalb des irakischen Territoriums.<\/p>\n<p>\u2022 Verschiedene kurdische Akteur:innen in und au\u00dferhalb der Region fordern einen Stopp der Milit\u00e4roffensive. Internationale Organisationen und die Staatengemeinschaft werden aufgefordert, die Kriegshandlungen der T\u00fcrkei zu verurteilen. Zudem wird eine R\u00fcckkehr zu Verhandlungen des t\u00fcrkischen Staates mit dem inhaftierten PKK-Vorsitzenden Abdullah \u00d6calan \u00fcber eine politische L\u00f6sung der kurdischen Frage gefordert.<\/p>\n<p><strong>Der t\u00fcrkische Annexionskrieg in Kurdistan \u2013 Ein kurzer \u00dcberblick<\/strong><\/p>\n<p>Seit dem einseitigen Abbruch der Friedensgespr\u00e4che (2013-2015) zwischen dem t\u00fcrkischen Staat und dem seit 25 Jahren in Isolationshaft gehaltenen Vorsitzenden der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Abdullah \u00d6calan, durch die t\u00fcrkische Regierung unter Erdo\u011fan setzt Ankara auf eine Eskalation des Krieges in den kurdischen Siedlungsgebieten. Dieser Krieg beschr\u00e4nkt sich nicht auf die t\u00fcrkischen Staatsgrenzen. Die T\u00fcrkei f\u00fchrt immer wieder gro\u00df angelegte Milit\u00e4roffensiven in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak sowie in den selbstverwalteten Gebieten Nord- und Ostsyriens durch. Auch wenn Ankara diese Kriegshandlungen mit der angeblichen Pr\u00e4senz der PKK begr\u00fcndet und sich auf das \u201eRecht auf Selbstverteidigung\u201c beruft, zielen die Offensiven auf eine langfristige Annexion weiterer kurdischer Siedlungsgebiete. Der Einsatz hunderter Panzer deutet darauf hin, dass sich der Krieg auf die St\u00e4dte konzentrieren wird, da in der gebirgigen Topografie, in der sich die Guerilla aufh\u00e4lt, keine Panzer eingesetzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>T\u00fcrkische Soldaten und mit ihnen verb\u00fcndete Dschihadisten kontrollieren seit 2018 auch die kurdische Region Efr\u00een (Afrin) und seit 2019 die Gebiete zwischen Gir\u00ea Sp\u00ee (Tall Abyad) und Ser\u00eakaniy\u00ea (Ras al-Ain) in Nordsyrien. In den besetzten Gebieten Nordsyriens, aus denen Menschenrechtsorganisationen regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber systematische Vertreibungen von Kurd:innen und unz\u00e4hlige andere Menschenrechtsverbrechen berichten, hat der t\u00fcrkische Staat inzwischen eigene Verwaltungsstrukturen errichtet.<\/p>\n<p>Auch in der kurdischen Autonomieregion im Nordirak setzt der t\u00fcrkische Staat auf eine langfristige Annexion der Gebiete. Die Errichtung von 110 Milit\u00e4rst\u00fctzpunkten, die bis zu 35 Kilometer in irakisches Staatsterritorium hineinreichen, wird von internationalen Beobachter:innen als Teil einer langfristig angelegten Besatzungspolitik des Erdo\u011fan-Regimes in der Region gewertet. Im Rahmen der beiden Operationen \u201eClaw-Lightning\u201c (2021) und \u201eClaw-Lock\u201c (2022) kam es immer wieder zu schweren Zusammenst\u00f6\u00dfen mit Guerillakr\u00e4ften der PKK. Der t\u00fcrkischen Armee wird vorgeworfen, bei diesen K\u00e4mpfen immer wieder auch international ge\u00e4chtete Waffen wie chemische Kampfstoffe einzusetzen.<\/p>\n<p>Zu den Kriegshandlungen in Kurdistan geh\u00f6ren von t\u00fcrkischer Seite regelm\u00e4\u00dfige Luftangriffe und t\u00f6dliche Drohnenbombardements, die auch Zivilisten treffen. Diese Angriffe erstrecken sich auf Nord- und Ostsyrien sowie den Nordirak, wobei auch das Fl\u00fcchtlingslager Mexm\u00fbr und die Region \u015eengal betroffen sind.<\/p>\n<p>Am 15. Juni begann schlie\u00dflich die bislang letzte Intervention in der Autonomen Region Kurdistan. Die neue Qualit\u00e4t zeigt sich bereits in ihrem Umfang: Der Angriff wird sowohl von Boden- als auch von Luftstreitkr\u00e4ften gef\u00fchrt, wobei bisher sch\u00e4tzungsweise 1.250 t\u00fcrkische Soldaten, 300 Panzer und verst\u00e4rkte Luftangriffe zum Einsatz kamen. Seit Beginn hat die T\u00fcrkei mindestens 381 Bombardierungen durchgef\u00fchrt, vor allem durch Kampfflugzeuge, aber auch durch Artilleriebeschuss und Drohnen. Die Auswirkungen auf die Zivilbev\u00f6lkerung sind erheblich, z.B. in Form von Vertreibung, Verlust der wirtschaftlichen Existenzgrundlage und landwirtschaftlicher Nutzfl\u00e4chen. In diesem Jahr wurden in der Autonomen Region Kurdistan insgesamt neun Zivilisten durch diese Angriffe get\u00f6tet und mindestens zwei weitere verletzt.<\/p>\n<p>Panzerpr\u00e4senz, neue Milit\u00e4rposten und Stra\u00dfenkontrollen deuten laut internationalen Beobachter:innen darauf hin, dass die t\u00fcrkische Armee mit dieser neuen Offensive eine langfristige Annexion des Gebietes einleiten will. Unterst\u00fctzt wird die T\u00fcrkei bei ihrer Offensive von der Demokratischen Partei Kurdistans (PDK), die sich in einem engen politischen und wirtschaftlichen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis zu Ankara befindet.<\/p>\n<p>Die vom Barzani-Clan gef\u00fchrte PDK blockiert seit geraumer Zeit die Durchf\u00fchrung der ausstehenden Wahlen zum Regionalparlament Kurdistans. Dies geschieht, weil sie bef\u00fcrchtet, nicht mehr gen\u00fcgend R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung zu haben. Zudem wird berichtet, dass neben der t\u00fcrkischen Armee auch islamistische Milizen, die vor allem in Syrien rekrutiert wurden, zur Einsch\u00fcchterung der Zivilbev\u00f6lkerung eingesetzt werden.<\/p>\n<p><strong>Welche Interessen verfolgt die T\u00fcrkei mit dem Kriegseinsatz?<\/strong><\/p>\n<p>Die erneute Eskalation des Krieges in Kurdistan folgt auf die erste Wahlniederlage Erdo\u011fans bei den Kommunalwahlen am 31. M\u00e4rz dieses Jahres. Faktisch befindet sich die t\u00fcrkische Lira aufgrund einer Inflationsrate von \u00fcber 70 Prozent in einem instabilen Zustand. Das AKP-Regime versucht durch diplomatische Man\u00f6ver, insbesondere von Au\u00dfenminister Fidan und Wirtschaftsminister \u015eimsek, die Unterst\u00fctzung verschiedener M\u00e4chte wie der NATO und der BRICS-Staaten zu gewinnen, um sich politisch zu positionieren und den Kampf gegen die Kurd:innen zu verst\u00e4rken. Auch Erdo\u011fan selbst versucht, westliche Verb\u00fcndete in NATO und EU zur Hilfe zu zwingen.<\/p>\n<p>Es ist eine bekannte Strategie der Regierung, mit au\u00dfenpolitischen Man\u00f6vern von innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken. Der Krieg in Kurdistan hat sich dabei in der Vergangenheit als probates Mittel erwiesen. W\u00e4hrend die eigene Armee im Kriegseinsatz \u201ef\u00fcr das Vaterland\u201c ihr Leben riskiert, verstummt in der Regel auch die gesellschaftliche Kritik am Regierungsstil der Machthaber. Zudem braucht die AKP dringend Erfolgsmeldungen, um ihr angeschlagenes Image aufzupolieren. Erdo\u011fan will nicht nur als der Staatschef in die Geschichte eingehen, der den milit\u00e4rischen Sieg im immerhin seit 1984 andauernden Kampf gegen die PKK verk\u00fcnden kann. Er will mit seiner Annexionspolitik in Kurdistan auch derjenige sein, der die neoosmanischen Ambitionen seiner Anh\u00e4nger:innen Wirklichkeit werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Auf diplomatischem Parkett werden die Annexionspl\u00e4ne des t\u00fcrkischen Staates als \u201ePufferzone\u201c oder \u201eSicherheitszone\u201c dargestellt. Diese soll, so der t\u00fcrkische Verteidigungsminister Ya\u015far G\u00fcler, von der t\u00fcrkischen Grenze aus 30 bis 40 Kilometer tief in irakisches und syrisches Staatsgebiet hineinreichen. Angeblich soll eine solche Zone dazu dienen, \u201eexterne Bedrohungen\u201c abzuwehren und die Region zu stabilisieren. Gegen\u00fcber den europ\u00e4ischen Partnern verweist die T\u00fcrkei darauf, dass in den syrischen Teil auch Fl\u00fcchtlinge zur\u00fcckgef\u00fchrt werden k\u00f6nnten. F\u00fcr die kurdische Bev\u00f6lkerung bedeutet dies de facto eine gro\u00df angelegte ethnische S\u00e4uberung, wie im nordsyrischen Efr\u00een, wo seit 2018 bereits Hunderttausende vertrieben wurden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend es bei fr\u00fcheren t\u00fcrkischen Milit\u00e4roffensiven in der kurdischen Autonomieregion zumindest verbale Proteste aus Bagdad gegen das Vorgehen Ankaras auf irakischem Territorium gab, scheinen diesmal zumindest Teile der Staatsf\u00fchrung mit dem Vorgehen der t\u00fcrkischen Armee einverstanden zu sein.<\/p>\n<p>In Gespr\u00e4chen auf h\u00f6chster diplomatischer Ebene zwischen dem t\u00fcrkischen Au\u00dfenminister und ehemaligen Geheimdienstchef Hakan Fidan und sp\u00e4ter dem t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Erdo\u011fan wurde der Kampf des t\u00fcrkischen Staates gegen die Arbeiterpartei Kurdistans mit anderen wichtigen Themen wie dem Zugang zu Wasser, dem \u00d6lexport und dem sogenannten Iraq Development Road Project verkn\u00fcpft. Mehrere Kooperationsabkommen wurden geschlossen, darunter eines zur Behebung der akuten Wasserknappheit im Irak aufgrund t\u00fcrkischer Staudammprojekte. Im Gegenzug sicherte die irakische Regierung die Wiederaufnahme der \u00d6lexporte in die T\u00fcrkei zu, nachdem die Pipeline vor einem Jahr geschlossen worden war. Im Rahmen von Erdo\u011fans Besuch wurde auch eine Absichtserkl\u00e4rung zwischen der T\u00fcrkei, dem Irak, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten \u00fcber die gemeinsame Zusammenarbeit beim 17 Milliarden Dollar schweren irakischen Entwicklungsstra\u00dfenprojekt unterzeichnet. Das Projekt sieht den Bau einer 1.200 Kilometer langen Stra\u00dfen- und Eisenbahnverbindung vor, die den Irak zu einem wichtigen Transitknotenpunkt zwischen Asien und Europa machen und die T\u00fcrkei mit dem im Bau befindlichen Hafen der irakischen Stadt Basra am Persischen Golf verbinden soll. Die geplante neue Handelsroute w\u00fcrde die geopolitische Bedeutung sowohl der T\u00fcrkei als auch des Irak enorm aufwerten.<\/p>\n<p>Hinter verschlossenen T\u00fcren d\u00fcrfte Ankara jedoch die Zustimmung Bagdads zum Kampf gegen die PKK zur Bedingung f\u00fcr die Umsetzung des Projekts gemacht haben. Darauf deutet auch hin, dass die irakische Regierung unmittelbar nach dem Treffen Erdo\u011fans mit al-Sudani ein offizielles PKK-Verbot verh\u00e4ngte. Somit gibt es zwar in Teilen der irakischen Regierung durchaus Zustimmung f\u00fcr das milit\u00e4rische Vorgehen des t\u00fcrkischen Staates im Nordirak, doch mehren sich auch die Stimmen, die dem Ganzen kritisch gegen\u00fcberstehen. Insbesondere vor dem Hintergrund einer m\u00f6glichen l\u00e4ngerfristigen Besetzung von Teilen des irakischen Territoriums durch den t\u00fcrkischen Staat rufen immer mehr Parteien und Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Lebens in der Autonomen Region Kurdistan, im Irak und dar\u00fcber hinaus dazu auf, gegen die t\u00fcrkischen Annexionspl\u00e4ne Stellung zu beziehen.<\/p>\n<p><strong>Widerstand gegen die Besatzung w\u00e4chst<\/strong><\/p>\n<p>Interessant ist, dass die aktuelle t\u00fcrkische Invasion in den t\u00fcrkischen Medien kaum Erw\u00e4hnung findet. Dies deutet darauf hin, dass sich die t\u00fcrkische Regierung der Risiken des aktuellen Kriegseinsatzes bewusst ist. Bei der milit\u00e4rischen Niederlage gegen K\u00e4mpfer:innen der PKK bei der Operation Gare 2021 war auch innerhalb der T\u00fcrkei die Kritik am milit\u00e4rischen Vorgehen des Staates laut geworden und hatte die Regierungs- und Milit\u00e4rf\u00fchrung des Landes in Bedr\u00e4ngnis gebracht. Eine Wiederholung dessen m\u00f6chte Erdo\u011fan vor dem Hintergrund seiner eigenen geschw\u00e4chten Position im Land unbedingt vermeiden.<\/p>\n<p>Der v\u00f6lkerrechtswidrige Einmarsch des NATO-Mitglieds T\u00fcrkei wird in der europ\u00e4ischen Politik ebenfalls ignoriert und findet in den Medien kein Echo. Aus den USA wurde die T\u00fcrkei aufgefordert, sich mit der irakischen Regierung und der Autonomen Region Kurdistan abzustimmen, um die Zivilbev\u00f6lkerung zu sch\u00fctzen. Die \u00c4u\u00dferungen des US-Au\u00dfenministeriums k\u00f6nnen allerdings auch als \u201egr\u00fcnes Licht\u201c interpretiert werden.<\/p>\n<p>Der Nationale Sicherheitsrat des Irak hat zwar offiziell seine Ablehnung der t\u00fcrkischen Invasion verk\u00fcndet und Au\u00dfenminister Hussein hat sich f\u00fcr einen \u201ebreiteren regionalen Dialog\u201c ausgesprochen. In anderen Erkl\u00e4rungen unterst\u00fctzten staatliche Stellen jedoch die Angriffe der T\u00fcrkei auf die Autonome Region Kurdistan unter Verweis auf die Aktivit\u00e4ten der PKK. Eine klare Haltung und konkrete Konsequenzen gegen\u00fcber der t\u00fcrkischen Besatzung sind nicht erkennbar.<\/p>\n<p>Die First Lady des Irak, Shanaz Ibrahim Ahmed von der anderen gro\u00dfen kurdischen Partei im Irak, der Patriotischen Union Kurdistans (YNK), verurteilte daher in einem eindringlichen Appell an den Westen die anhaltende Invasion. Sie forderte die internationale Gemeinschaft auf, geeignete Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, und dr\u00e4ngte die kurdische Regionalregierung, der zunehmenden t\u00fcrkischen Besatzung eine klare Absage zu erteilen.<\/p>\n<p>Auch eine Gruppe von Scheichs irakischer St\u00e4mme kommentierte die Angriffe mit den Worten: \u201eDer t\u00fcrkische Staat besetzt die Region Kurdistan und unterst\u00fctzt den IS\u201c. In der Hauptstadt Bagdad protestierten Hunderte gegen die t\u00fcrkische Au\u00dfenpolitik und das Schweigen der irakischen Zentralregierung, bezeichneten das Vorgehen als \u201eVerletzung der irakischen Souver\u00e4nit\u00e4t\u201c und forderten die Regierung auf, \u201eHaltung zu zeigen\u201c.<\/p>\n<p>Die Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK) verurteilte ebenfalls den milit\u00e4rischen Einmarsch der T\u00fcrkei in Kurdistan und kritisierte die irakische Regierung f\u00fcr ihr Abkommen mit Ankara. Die KCK ruft die irakischen Intellektuellen und demokratischen Kr\u00e4fte auf, sich dieser \u00dcbereinkunft zu widersetzen. Sie wirft der PDK in Hewl\u00ear vor, den t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4ften die Nutzung wichtiger Stra\u00dfen und kontrollierter Gebiete zu erleichtern und der T\u00fcrkei de facto widerstandslos die Verwaltung zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Eine Delegation des Kurdistan Nationalkongresses (KNK) h\u00e4lt sich in der Autonomen Region Kurdistan auf, um mit anderen Parteien und Organisationen \u00fcber eine gemeinsame nationale Linie zu beraten. Dem Kongress geh\u00f6ren zahlreiche kurdische Organisationen an. In einem offenen Brief dr\u00fcckten sie ihre Besorgnis \u00fcber die ausbleibende Reaktion auf die Milit\u00e4raktionen und Menschenrechtsverletzungen der T\u00fcrkei aus und forderten eine Intervention arabischer und westlicher Staaten, um den Annexionspl\u00e4nen entgegenzuwirken.<\/p>\n<p>Der St\u00e4ndige Vertreter bei den Vereinten Nationen, Leonardo Rodriguez Perez, kritisierte die Milit\u00e4raktionen der T\u00fcrkei in Nordsyrien und im Irak, die zu massiven und systematischen Menschenrechtsverletzungen f\u00fchrten. Er forderte, die T\u00fcrkei als Besatzungsmacht anzuerkennen, um sie v\u00f6lkerrechtlich zur Verantwortung ziehen zu k\u00f6nnen. Perez betonte, dass die Isolationshaft des PKK-Vorsitzenden Abdullah \u00d6calan auf der Gef\u00e4ngnisinsel \u0130mral\u0131 gegen alle Menschenrechtskonventionen versto\u00dfe und Folter darstelle.<\/p>\n<p>Internationale Beobachter:innen gehen davon aus, dass ein milit\u00e4rischer Erfolg Erdo\u011fans trotz des massiven Einsatzes von Truppen und moderner Waffentechnologie unwahrscheinlich ist, da die PKK in der Region als fest verankert gilt, ihre milit\u00e4rischen F\u00e4higkeiten verbessert hat und erfolgreich t\u00fcrkische Drohnen bek\u00e4mpft.<\/p>\n<p><strong>Politische L\u00f6sung der kurdischen Frage statt Eskalation des Krieges<\/strong><\/p>\n<p>Die Au\u00dfenpolitik der T\u00fcrkei ist zunehmend darauf ausgerichtet, von den sich versch\u00e4rfenden Konflikten in der Region zu profitieren und ist eine Quelle der Instabilit\u00e4t. Das Erdo\u011fan-Bah\u00e7eli-Regime will um jeden Preis die Misak-\u0131 Milli-Strategie in Kurdistan umsetzen. Diese Strategie, die mit \u201eNationaler Pakt&#8221; \u00fcbersetzt werden kann, wurde 1920 im Osmanischen Reich entwickelt und sieht t\u00fcrkisches Staatsgebiet einschlie\u00dflich Thrakien, Rojava (Nordsyrien) und S\u00fcdkurdistan (Nordirak) vor. Die Umsetzung dieses Plans wird zur weiteren Annexion kurdischer Gebiete in Syrien und im Irak, zur Versch\u00e4rfung der regionalen Konfliktsituation sowie zur Vertreibung und Migration von Millionen Menschen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Insbesondere die Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen in den t\u00fcrkisch besetzten kurdischen Gebieten und die weitreichende Zusammenarbeit mit dschihadistischen Kr\u00e4ften wie dem IS sind alarmierend.<\/p>\n<p>Die PKK hat nach 2014 eine wichtige Rolle bei der Verteidigung von Regionen wie Kerk\u00fbk, Hewl\u00ear und \u015eengal gegen den Islamischen Staat gespielt und Tausenden Eziden geholfen, \u00fcber einen Korridor nach Syrien in Sicherheit zu gelangen. Ihr Widerstand gegen die Angriffe der T\u00fcrkei kann als nat\u00fcrliche Pflicht und Recht auf Selbstverteidigung zum Schutz der Autonomen Region Kurdistan und der Souver\u00e4nit\u00e4t des Irak betrachtet werden.<\/p>\n<p>Der Kurdistan Nationalkongress fordert ein sofortiges Ende der v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriffe der T\u00fcrkei. Die internationale Gemeinschaft stehe in der Verantwortung, Erdo\u011fans Expansionsbestrebungen Einhalt zu gebieten und f\u00fcr eine Deeskalation zu sorgen. Die Kurd:innen und andere Bev\u00f6lkerungsgruppen in der Region verdienten eine bessere Behandlung, nachdem sie den IS besiegt haben und zu einer Quelle des Friedens und der regionalen Stabilit\u00e4t geworden sind.<\/p>\n<p><em>Das Informationsdossier von Civaka Azad kann auch als PDF-Datei unentgeltlich heruntergeladen werden:\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/civaka-azad.org\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Tuerkischer-Annexionskrieg-Suedkurdistan_Dossier.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/civaka-azad.org\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Tuerkischer-Annexionskrieg-Suedkurdistan_Dossier.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die T\u00fcrkei eskaliert derzeit ihre Aggression in S\u00fcdkurdistan, auch bekannt als Kurdistan-Region des Irak. Das Berliner Informationszentrum Civaka Azad hat ein Dossier mit Daten, Fakten und Hintergr\u00fcnden herausgegeben. Die T\u00fcrkei eskaliert derzeit ihre Aggression in der Kurdistan-Region des Irak (KRI). 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